In einem großen Interview mit der Austria
Presse Agentur (APA) zum Jahreswechsel gab Justizministerin Claudia
Bandion-Ortner einen Ausblick auf ihre Pläne für das Jahr 2010. Themen waren
unter anderem Familienrechts-Reformen, mehr Personal für Wirtschaftsstrafverfahren
und Untersuchungsausschüsse im Parlament.
So sagte die Justizministerin, dass sie
für das neue Jahr weitere Anpassungen im Familienrecht plane.
"Im Vordergrund sollte das Wohl des
Kindes stehen und das Kind hat nun einmal Anspruch auf beide Elternteile",
so Bandion-Ortner, die außerdem ankündigte, sich das deutsche Modell der gemeinsamen
Obsorge genauer ansehen zu wollen: "Ob das Modell besser ist als unser
Modell, das müssen wir erst herausfinden. Da arbeiten wir daran", so die
Ministerin.
Während es in Österreich gemeinsame
Obsorge nur bei einvernehmlichen Scheidungen und Einwilligung beider
Elternteile gibt, sind in Deutschland grundsätzlich beide Elternteile für die
Kinder zuständig. Wer die alleinige Obsorge will, muss nachweisen, dass die
"gemeinsame elterliche Obsorge dem Kindeswohl abträglich ist".
"Beschleunigen" will die
Justizministerin die Besuchsrechtsverfahren bei Gericht: "Es kann nicht
sein, dass ein Vater oder eine Mutter ihr Kind so lange nicht sehen und in
dieser Zeit das Kind entfremdet wird. Das entspricht nicht dem Wohl des
Kindes." Zur inhaltlichen Vorbereitung der nächsten Familienrechtsreform
plant Bandion-Ortner eine großangelegte Diskussionsveranstaltung im kommenden
Jahr. Der Termin steht noch nicht fest.
Auch die Reform der Geschworenen-Gerichtsbarkeit
soll 2010 konkret werden. Eine vom Ministerium eingesetzte Arbeitsgruppe wird mehrere
Modelle vorlegen. "Wichtig ist, dass die Entscheidung der Geschworenen begründet
wird", betonte Bandion-Ortner. Die Ministerin persönlich tritt für eine
gemeinsame Beratung von Geschworenen und Berufsrichtern über die Schuldfrage ein,
damit letztere das Urteil schriftlich begründen können. Sie wolle der
Arbeitsgruppe, die mehrere Reformvorschläge vorlegen soll, aber nicht
vorgreifen und die Varianten dann in die parlamentarische Debatte einbringen,
so die Ministerin.
Angesichts der anstehenden
Wirtschafts-Großverfahren verlangt Bandion-Ortner zusätzliche Richter und
Staatsanwälte, denn momentan fehlten der Justiz insgesamt 230 Richter und
Staatsanwälte. Daher sollen noch im Jänner Gespräche mit Finanzminister Josef
Pröll und Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek stattfinden. Natürlich
könne der Finanzminister in der Wirtschaftskrise nicht "mit vollen Händen
austeilen", aber gerade in dieser Situation sei es wichtig, dass die
Justiz funktioniere. "Es hat ja niemand etwas davon, wenn er Ansprüche hat
und diese nicht einklagen kann, weil das ewig dauert", so Bandion-Ortner.
Bezüglich der Reform der
Untersuchungsausschüsse drängt die Justizministerin darauf, dass die Justiz
künftig Vorrang vor den parlamentarischen Untersuchungen erhalten soll. Wenn
Zeugen und Verdächtige schon im U-Ausschuss aussagen und erst dann vom Gericht
vernommen würden, dann könnten sie "ihre Aussagen abstimmen".
"Das sei der Wahrheitsfindung nicht förderlich, so Bandion-Ortner im
Gespräch mit der APA: "Untersuchungsausschüsse sind wichtig für die
politische Aufklärung, für die juristische Aufklärung ist aber die Justiz
zuständig und ich finde, die juristische Aufklärung darf nicht unter der
politischen Aufklärung leiden", so Bandion-Ortner. Daher sollten Staatsanwälte
vom Parlament nicht mehr zu laufenden Verfahren befragt und laufende Verfahren
"so gut wie möglich" überhaupt nicht mehr in U-Ausschüssen diskutiert
werden.
Skeptisch sieht Bandion-Ortner auch die
von den Parlamentsparteien angedachte Kontrolle der Staatsanwälte durch einen
eigenen Unterausschuss. "Jeder Einfluss der Politik auf die Justiz ist
schlecht. Bei laufenden Verfahren würde ich das absolut ablehnen", betont
die Ministerin. Bei abgeschlossenen Verfahren gebe es ohnehin die Kontrolle
durch Anfragen der Abgeordneten und der Volksanwaltschaft an das
Justizministerium: "Warum soll der Staatsanwalt Rede und Antwort stehen.
Der Minister ist ohnehin dazu da, dass er Rede und Antwort steht."